Anno Domini

Jahreszahlen sind nicht jedermanns Sache. Viele erinnern sich mit Schrecken an den Geschichtsunterricht zurück, an das Auswendiglernen von Namen und Daten. Schlacht bei Sempach? Französische Revolution? Oder - wenn sich der Geschichtslehrer überhaupt in solche unbekannte Gefilde vorwagte - Erklärung der Menschenrechte? Derart Geschädigte machen in der Regel einen weiten Bogen um Spiele, in denen Jahreszahlen von Bedeutung sind. Und wenn eines gar noch mit dem lateinischen Titel "Anno Domini" prahlt, dürfte es wohl kaum eine Chance haben, je in Spielrunden Geschichtsfrustrierter zu landen.
Schade, denn sie werden etwas verpassen: Spiele aus dem Berner Verlag Fata Morgana zeichnen sich immer durch Originalität und Witz aus. "Anno Domini" steht ganz in der Tradition der Spiele "Ein solches Ding", "Kreml", "Der wahre Walter", mit denen sich die Spielverrückten um Urs Hostettler eine grosse Fangemeinde geschaffen haben. Das Besondere an "Anno Domini" besteht denn auch darin, dass es trotz seines Namens nicht nach Jahreszahlen fragt.

Vielmehr geht es darum, dass erstaunliche, wirre, wichtige, unzusammenhängende Ereignisse und Namen Art möglichst nach richtiger Abfolge geordnet werden müssen. Es spielt also keine Rolle, zu wissen, wann genau Hermann Hesse die Schweizer Staatsbürgerschaft angenommen hat. War das - und diese Einschätzung ist der Kern von "Anno Domini" - vor oder nach der Jungfernfahrt des Salondampfers "Blümlisalp" auf dem Thunersee? Erlebte Hesse die Tiller-Girls, eine seinerzeit sensationelle Tanzgruppe aus den Vereinigten Staaten, auf ihrer Europatournee als Schweizerbürger oder nicht? War die Landsgemeinde im Kanton Uri damals schon abgeschafft?

Nicht unbedingt das Wissen ist in "Anno Domini" entscheidend, sondern der gesunde Menschenverstand. Das erleichtert den Zugang zu diesem Spiel ausserordentlich, zumal die Regeln sehr einfach sind. Zum Zuge kommen auch Spieler, die gerne bluffen und mit ihrer Spielweise den Besserwissern ein Schnippchen schlagen. Sie legen in der Hoffnung, dass der nachfolgende Spieler ihren Zug nicht anzweifelnt, einfach eine Aussage ab, die ihnen möglich scheint. So behaupten sie keck, dass deutsche Studenten in Italien erstmalig Visitenkarten benutzt hatten, bevor Schweizer Truppen den König von Neapel gegen Aufständische verteidigt haben. Richtig? Falsch? Im ersten Fall wird der Zweifler mit drei zusätzlichen Karten bestraft, im zweiten der Bluffer. Wer seine Handkarten - neun zu Beginn - als erster los hat, hat gewonnen.

"Anno Domini" ist derzeit in fünf Serien auf dem Markt. Es sind dies: Kirche und Staat, Lifestyle, Natur, Schweiz sowie Sex und Crime. Jede Serie umfasst 336 Ereigniskarten - genügend Material für einige ausgeflippte Spielrunden. Hat man alle Karten einmal durchgespielt, wirft man sie nicht in den Abfall: In den nächsten Runden lässt sich das Gedächtnis wunderbar testen. Die Swissair flog Hunderttausende von Schwalben in den Süden, um sie vor dem verfrühten Wintereinbruch zu retten. War das nun vor oder nach dem offiziellen Besuch des chinesischen Vizeministerpräsidenten Ku Mu auf einem Bauernhof im Emmental?

(Synes Ernst, Weltwoche, 1. April)