Aztec

Eigentlich spiele ich nicht gerne, zumindest nicht auf Messen und das hat zwei Gründe. Zum einen ist mir der Lärm einfach zu groß, um das auch noch geniesen zu können und zum anderen besteht die Gefahr, daß ich mir dann zu Hause die Regeln nicht mehr so aufmerksam durchlese, wie ich es täte, hätte man mir das Spiel nicht bereits erklärt und daher Schwachstellen in der Regel übersehe. So fast geschehen bei "Aztec" von Niek Neuwahl, einer 1996 Neuheit des Zoch Verlages, das ich damals auf Drängen von Albrecht Werstein auch tatsächlich versucht habe. Und wäre die letzte Partie nicht schon fast ein Jahr zurückgelegen, weshalb ich nicht mehr so ganz regelfest war, ich hätte dieselben wahrscheinlich wohl nicht so aufmerksam studiert und wäre kaum über den falschen Merksatz, dick hervorgehoben, gestolpert.
Was einem zunächst an "Aztec" aber auffällt, ist die originelle Verpackung. Schachtel und Spielbrett gleichermaßen ist ein aus Holz gefertigter Pyramidenstumpf, der an der Basis einen Deckel integriert hat, der geöffnet das Spielmaterial preisgibt, 22 identische Bauteile, jedes aus sechs kleinen Holzwürfeln so gefertigt, daß es, richtig aufgestellt, drei "Stockwerke" hoch ist. Mit diesen wird nun auf der Oberseite des Pyramidenstumpfes gespielt.

Dazu setzen die Spieler abwechselnd einen der Teile so auf das 9x9 Felder große Spielbrett, daß er mit mindestens zwei seiner Seitenflächen die bereits verbauten Teile berührt. Weiters darf kein Bauteil über den Spielrand herausragen und auch an keiner Stelle die vierte Etage erreichen. Soweit ist alles ziemlich klar, doch mit der Klärung der Stabilitätsfragen wird es unverständlich. Zunächst wird einmal lang, breit und durchaus plausibel mit Hilfe von Bildern erklärt, wie ein soeben verbauter Teil von anderen gestützt werden kann, um dann sofort in einem Merksatz festzustellen, daß ein Teil immer dann unerlaubt steht, wenn er alleine aufgestellt nicht stehen bliebe. Ratlosigkeit! Habe ich jetzt etwas nicht verstanden oder haben wir damals falsch gespielt? Ein Gespräch mit Werstein und Zoch in Nürnberg brachte dann nach einigem Nachdenken der beiden die einfache Klärung: Der Merksatz ist schlicht und einfach flasch und muß ersatzlos gestrichen werden!

Nun möchte ich aber doch erklären wozu überhaupt gebaut wird. Dazu werden zu Beginn jedem Spieler zwei gegenüberliegende Seiten des Spielbretts zugeordnet – Nord-Süd und Ost-West. An diesen beiden Seiten darf er am Ende werten und zwar zählt er dazu alle Würfel, die an seinen beiden Randseiten in der dritten Etage gebaut wurden, egal von wem. Wer mehr Punkte besitzt, gewinnt natürlich und bei Punktegleichheit siegt der Startspieler.

In einer Variante für Drei spielt einer der Spieler eine "zerstörerische" Rolle, indem er die beiden anderen möglichst am Punkten hindert. Dabei wird seine Rolle in einer Abwärtsversteigerung über die maximale Punktezahl, die im anschließenden Spiel erreicht werden wird, vergeben. Wer von den drei Spielern die kleinste Zahl bietet, wird zum Zerstörer und er gewinnt, wenn keiner der beiden anderen mehr als diese Zahl erreicht. Anderenfalls gewinnt der Spieler mit der gößeren Punktezahl. Da eine Partie aber nicht ssehr lange dauert, kann man alternativ auch drei Runden spielen, wobei jeder einmal die Rolle des Zerstörers übernimmt.

"Aztec" hat, wie alle Spiele des Zoch-Verlages durch sein wunderschönes Spielmaterial – nicht umsonst erhielt es im letzten Jahr den Sonderpreis "Schönes Spiel" der Jury "Spiel des Jahres" – ein sehr hohes Aufforderungspotential, was durch die sehr einfachen Regeln noch zusätzlich unterstützt wird. Weniger einfach ist dann aber das Spiel selbst. Hier benötigt man schon eine gehörige Portion räumlichen Vorstellungsvermögens, um alle Baumöglichkeiten zu sehen, vom Auffinden der optimalsten Züge will ich erst einmal gar nicht reden. Diese räumlichen Defizite vieler Menschen und nicht zuletzt der doch sehr hohe, aber durchaus gerechtfertigte Preis, könnten aber eine Hemmschwelle für viele sein, sich dieses Spiel zuzulegen.

(Helmut Wresnik)