Lex Complex

Fünf Jahre ist es nun schon wieder her, daß an dieser Stelle ein Spiel mit juristischem Bezug vorgestellt werden konnte. Dafür sind es diesmal gleich deren zwei, die um die Gunst angehender Juristen buhlen und dabei nicht einmal in einem echten Konkurrenzverhältnis zueinander stehen. Denn bis auf ihre lateinischen Titel haben lex complex und In dubio pro reo keinerlei Gemeinsamkeiten aufzuweisen.
lex complex ist im wesentlichen ein Quiz, das für die 2 - 6 Teilnehmer über 2.000 Fragen und Fälle bereithält. Die Spieler ziehen über einen Parcours in Form eines riesigen Paragraphen. Je nachdem, auf was für einem Feld sie landen, müssen Wissensfragen verschiedener Schwierigkeitsgrade beantwortet werden, oder stehen Streitfälle unter den Spielern an. Für Auflockerung sorgen Ereignis- und Risikofelder und solche, auf denen man sein Kurzzeitgedächtnis unter Beweis stellen oder einen Mitspieler als Sozius zu Rate ziehen kann.

Fragen und Fälle kommen aus den Bereichen bürgerliches Recht, zivilrechtliche Nebengebiete, Strafrecht und öffentliches Recht. Da die Antworten aus Platzgründen notwendigerweise sehr knapp ausgefallen sind, wäre es eine Illusion anzunehmen, auf diesem Weg "Jura spielend lernen" zu können, wie es jedoch auf dem Cover der stattlichen Schachtel heißt. Ab dem 6. oder 7. Semester dagegen kann die spielerische Darreichung des Stoffes eine angenehme Abwechslung von allzu sehr vereinsamender Paukerei bieten und dabei kleine Erfolgserlebnisse bereiten, aber auch - nicht minder wichtig - unbarmherzig Wissenslücken aufdecken.

Dann werden die Teilnehmer auch über das nötige juristische Rüstzeug verfügen, um die Richtigkeit mancher Antwort für alle Beteiligten gewinnbringend diskutieren zu können. Ob etwa die sog. actio pro socio wirklich einen Individualanspruch des Gesellschafters gegen die Gesellschaft darstellt (falsch) oder ob auch ein erst im laufenden Jahr eingestellter Arbeitnehmer aus einer schon mehrere Jahre andauernden Betriebsübung sofort einen Anspruch auf Weihnachtsgeld herleiten kann (richtig).

Ganz anders konzipiert ist In dubio pro reo, das völlig zweckfreien Spielspaß liefert. Ein lockeres Kartenspiel für 4 -8 Streithähne, bei dem so richtig die Post abgeht. Allein beim Erfassen der Spielanleitung und der Textinformationen auf einigen Karten läßt sich juristische Auslegungstechnik zur Beseitigung der einen oder anderen Unklarheit gewinnbringend einsetzen.

Die Spieler können einander durch Ausspielen von Vorwurfskarten vor den Kadi zerren. Kommt es zu keiner gütlichen Einigung, bei der sich die Beteiligten die mit dem Vorwurf verbundenen Schadenspunkte irgendwie teilen müssen, wird der Prozeß mit Hilfe von Zahlen- und Sonderkarten zur Entscheidung gebracht.

Da gibt es z.B. Karten, die ihren Besitzer als Mitglied des Kinderbundes oder einer anderen Vereinigung ausweisen und zur sofortigen Abweisung einer einschlägigen Klage führen. Oder Rechtsanwaltskarten, die den Wert einzelner oder aller Punktekarten verdoppeln. Besonders beliebt ist es, wenn sich ein Dritter in den Streit einschaltet, indem er eine Schlichtungskarte spielt und jetzt die Schadenspunkte nach eigenem Ermessen auf die beiden Prozeßhansel verteilen darf. Billigkeit i.S.d. § 315 Abs. 3 BGB ist dabei freilich kaum zu erwarten.

Auch wer zunächst die Nase vorn hat, kann seinen Prozeß noch verlieren. Wenn er nämlich an einen Richter gerät, der etwa Autofahrer, Tierbesitzer oder Frauen haßt, und er dummerweise zu einer solchen Gruppe gehört, gibt's Punktabzüge. Noch schlechter ergeht es, wer bei Richter Ehrlich einen Bestechungsversuch unternommen hat. Der entscheidet dann, völlig verstimmt und deshalb auch nicht eben sachgerecht, ohne Rücksicht auf den Punktestand gegen den Schmierer. Fast wia im richtigen Leben ...

(L. U. Dikus)

lex complex. André Becker/Mirko Schulte; S. Hirzel Verlag, Postfach 10 10 61, 70009 Stuttgart; 128 DM.

In dubio pro reo. Valentin Herman; Fanfor Verlag; zu beziehen über Fantasy Forest, Lange Rötterstraße 74, 68167 Mannheim; 20 DM.