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Saludos Amigos
Es wird behauptet, es gäbe in diesem unserem Lande ein Bundesland, in dem besondere Regeln gelten würden. Mäkelnde Kritiker machen geltend, die Verfassung der Bundesrepublik würde unzulässig gedehnt, bloß weil ein paar Hüter der Ordnung bisweilen etwas härter zufassen, wie es denn dort nun mal Brauch sei. Die gleichen Nörgler haben etwas daran auszusetzen, daß übergriffige Einmischungen des Bundesverfassungsgerichts in Internas der Klassenzimmergestaltung mit einer angemessenen Novellierung der Rechtsvorschriften wieder geradegebogen werden. Es können auch nur kleine Geister sein, die es grob finden, daß sich Freunde aus Wirtschaft und Politik ein paar Tage gemeinsam in einem kleinen Landhäuschen in Südamerika erholen, wobei der eine den anderen einlädt. Sogar das arge Wort 'Filz' habe ich im Zusammenhang mit diesem eigenwilligen Ländchen schon fallen hören. Nur gut, daß es hier, bei uns, so etwas nicht gibt...
Alle diese böswillig ins falsche Licht gerückten Vorstellungen werden nun endlich korrigiert. Wir lernen, daß es zum Beispiel bei dem Handel mit Grundstücken oder bei der Bewilligung von größeren Bauvorhaben in Wahrheit stets völlig demokratisch zu und her geht. Vor uns liegt ein Ausschnitt aus der weitläufigen Geographie mit ein paar lumpigen Bauerndörfern. Sie werden demnächst einem modernen Thermalbad, einer längst überfälligen Kläranlage, einem angemessenen Kurhaus, einer Spielbank zur Belebung der ländlichen Trostlosigkeit und weiteren erforderlichen Einrichtungen weichen müssen, wie uns die großzügige, zukunftsweisende Landesplanung macht deutlich. Laut Schachtelaufdruck ist Saludos, Amigos für vier bis sieben Spieler vorgesehen. Zu viert sollte man aber nicht antreten, weil sich sonst rasch ein Gleichgewicht einpendelt. Aus einem veritablen Filzsack zieht einer ein Kärtchen, das einen Bauabschnitt für eines der Großprojekte darstellt. Da stehen meinethalben acht Millionen zur Vergabe - sprich Verteilung - an. Jeder Spieler hat drei Gemeinderäte auf seiner Seite. Zunächst würfelt jeder, um seine Verhandlungsstärke festzustellen. Wer mit seinem Würfelergebnis nicht zufrieden ist kann ein Mitglied seines Gemeinderats opfern und dafür noch mal würfeln. Der tatkräftigen Einsatz von Gemeinderäten verleiht den eigenen Forderungen Nachdruck. Man sucht sich unter den Mitspielern geeignete Koalitionspartner und handelt mit ihnen frei die Verteilung der Millionen aus. Der stärkste bietet zum Beispiel einem Mitspieler drei, einem anderen eine Million an und will selbst vier Millionen einstreichen. Verhandlungsgrundlage ist meist, wie viel der einzelne zum gesamten Gebot beiträgt. Wenn das Angebot verhandelt und beschlossen ist, zählt die Koalition ihre Punkte zusammen und markiert den Wert mit einem Bierkrügerl auf einer Zählleiste. Die übrigen Spieler geraten automatisch in die Opposition. Wenn diese Gruppe schwach auf der Brust ist, kann sie gleich die Waffen strecken und klein beigeben. Es kann aber ebenso leicht sein, daß sie mehr Punkte zusammenkratzt, als die Herausforderer. Dann beginnt die Runde der Nachverhandlung. Dazu beruft die Opposition eine Gemeinderatssitzung ein. Die Karten mit den Gemeinderäten haben unterschiedliche Werte und werden verdeckt ausgespielt. Da können dann die Herausforderer leicht den kürzeren ziehen. Schließlich streichen die Gewinner ihren Profit ein, indem sie ihre Baulöwen auf der Kontoleiste vorwärts schieben. Die Verlierer allerdings stocken ihre Gemeinderäte um ein neues Mitglied auf. Es wäre so schön, die Millionen unbehelligt aufzuteilen, gäbe es nicht böse Journalisten, die bezeichnenderweise auch aus dem Filzbeutel gezogen werden. Wenn sie auftauchen, gibt es Zoff. Wer sich einen großen und damit einflußreichen Gemeinderat zugelegt hat wird ordentlich zur Kasse gebeten. Der Journalist als ein kleines Stückchen ausgleichender Gerechtigkeit - eine ganz neue Erfahrung. Die grafische Gestaltung ist sicher nicht jedermanns Sache. Sie zeigt eine wohldosierte Mischung aus süßlichem Kitsch und giftiger Satire. Ähnlichkeiten mit lebenden oder überstandenen Persönlichkeiten sind natürlich reiner Zufall, obgleich mir stiernackige Fettschwabbligkeit und erigierte Augenbrauen irgendwie bekannt vorkommen. Wenn es um Geld geht hört die Freundschaft schnell auf. Weil es bei den Amigos beinahe so zugeht, wie im richtigen Leben, ist das Spiel für Mimosen-Gemüter nicht sonderlich geeignet. Ein bißchen Chutzpe, aber auch eine ausreichende Frustrationstoleranz sollte man schon mitbringen. Doch mit den richtigen Leuten in der richtigen Stimmung gespielt ist Saludos, Amigos ein wirklich böses, ein wirklich gutes Verhandlungs-Spiel, das in einem Atemzug mit dem ebenso bösen, ebenso guten Feilsch-Spiel Intrige zu nennen ist. (Tom Werneck)
"Saludos, Amigos" von Peter Lewe. Redaktion: Fritz Gruber. Grafik: Franz Vohwinkel. Goldsieber-Spiele, Werkstr. 1, 80765 Fürth-Stadeln, Tel: 0911 / 976501, Fax: 0911 / 9765-120, 5 bis 7 (Je mehr, desto besser; mit Einschränkungen auch zu viert spielbar)
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