Schwarzmarkt

'Schwarzmarkt' ist ein Begriff aus der deutschen Nachkriegszeit. Viele der älteren erinnern sich sicher noch an diese Zeit, als viele Bauern morgens mit Koteletts und Mettwürsten unter dem Mantel in die nächste Stadt gingen und abends mit vollgestopften Taschen heimkehrten. Nun allerdings mit Schokolade, amerikanischen Zigaretten oder Nylonstrümpfen. Der Naturalientausch war lukrativ, aber verboten.
Aus dieser Notstandssituation ein Spielthema zu machen, ist schon einigermaßen ungewöhnlich, aber durchaus möglich, wie das Spiel SCHWARZMARKT beweist. Autor Stefan Dorra ist zwar ein Kind der Nachkriegszeit, aber doch nicht in dem Alter um sich bewußt an die Schwarzmarkt-Zeit erinnern zu können. Das ist auch nicht nötig, denn SCHWARZMARKT ist keine historische Aufarbeitung, sondern ein überaus origineller Spielmechanismus in einem thematisch aufgesetzten Mantel.

Jeder Spieler versucht mit lukrativen Tauschgeschäften sein Glück zu machen. Dabei hat er in aller Regel zwei Wahlmöglichkeiten: entweder er tauscht Schwarzmarkt-Artikel wie Kartoffeln, Butter, Mehl usw zum momentan aktuellen Preis in Luxusartikel (Kaugummi, Schokolade, Zigaretten, Nylons) oder er treibt den Preis in die Höhe. Letzteres macht man in der Hoffnung, daß man in der Runde noch einmal an die Reihe kommt und dann richtig teuer tauschen kann. Die Rechnung geht nicht immer auf, denn bis man wieder an der Reihe ist, hat oft schon ein anderer Spieler bei einem niedrigeren Preis zugeschlagen und man selber bleibt auf seiner Ware sitzen. Wer nach zwei Spielrunden seine Waren am besten absetzen konnte, ist der Gewinner.

Das Spiel ist ebenso ungewöhnlich wie das Thema. Es braucht schon eine Weile, bis man die richtige Taktik entwickelt hat. Die wiederum ist immer abhängig von der jeweiligen Spielrunde, denn wenn die Mitspieler nicht risikofreudig sind, kann das Spiel vollkommen an einem selbst vorbeigehen. SCHWARZMARKT ist eines der Spiele, die von 'blöd' bis 'super' die ganze geschmackliche Bandbreite abdecken können, je nachdem, wen man fragt. Es ist sicher kein Familienspiel, sondern vielmehr ein Spiel für eingefleischte Spielfans und -freaks, die hier eine recht ausgefallene Idee vorfinden.

(Andreas Mutschke, Westfälischer Anzeiger)

SCHWARZMARKT, für 3-5 Spieler ab 12 Jahren, ca. 25,- Amigo-Spiele


Stefan Dorra, Autor des nicht ganz unumstrittenen Verhandlungsspiels "Intrige", scheint eine Nase für sensible Themen zu haben, denn auch "Schwarzmarkt" hat durchaus das Zeug in sich, vor allem bei älteren Spielern, die die hier als Spiel verpackten Situationen live miterlebt haben, auf Widerspruch zu stoßen. Doch da man mir ohnehin nachsagt, sensibel wie ein Borstenschwein zu sein und ich die Kriegs- und Nachkriegszeit Gott sei Dank nicht mitzuerleben brauchte, kann ich mehr oder weniger frei an dieses Spiel herantreten.
5 Waren werden am Schwarzmarkt angeboten - Kartoffel, Kaffee, Mehl, Zucker und Butter, die je nach Variante gleich oft oder in unterschiedlicher Verteilung vorhanden sind. Aus dem gutgemischten Stapel erhält dann jeder Spieler 9 Karten, mit denen er versuchen soll, möglichst wertvolle Luxusgüter - Kaugummi (1 Punkte), Schokolade (5 Punkte), Zigaretten (10 Punkte) und Nylons (50 Punkte) - zu ertauschen. Doch was ist gefragt und zu welchen Preisen? Die Nachfrage wird durch die Schwarzmarkt-Karten geregelt, die zwischen 2 und 5 Waren nennen. Daneben gibt es dann noch Ereigniskarten, die das Spielgeschehen in irgend einer Weise manipulieren, etwa indem man anderen Warenkarten wegnehmen darf oder daß man pro Zug nur eine Ware eintauschen darf. Reihum spielt also jeder eine seiner drei Scharzmarktkarten aus, bis eine Nachfragekarte dabei ist.
Bleibt nun noch die Frage des Eintauschwerts, der zu Beginn immer 1:1 ist, also eine der gesuchte Ware gegen einen Kaugummi. Doch nur Verrückte werden von diesem Angebot Gebrauch machen und eher danach trachten, den Preis in die Höhe zu treiben. Dazu können sie, falls sie auf einen Eintausch verzichten, den Kursanzeiger bis zu vier Felder weiter setzen. Je höher dabei der Preis schon ist, desto weniger Felder weit geht es. Hat man aber nach der Devise "Kleinvieh macht auch Mist" etwas eingetauscht, wird der Marker nur um ein Feld weitergesetzt. Die Preisspirale dreht sich in dieser Art solange weiter, bis entweder alle von der Scharzmarktkarte geforderten Waren geliefert wurden, oder der Preis auf 50 geklettert ist, denn mehr als ein Paar Nylons gegen eine Ware zu tauschen ist die andere Seite nicht bereit. Wie auch immer, eine neue Schwarzmarktkarte muß her und der Preispoker beginnt von vorne, bis es einem Spieler schließlich gelungen ist, alle seine Warenkarten loszuwerden. Nun ergänzen alle ihre Waren wieder auf 9 und eine zweite Runde wird gespielt. Wer danach die meisten Luxusgüter (Punkteverteilung sie oben) ertauscht hat, ist der erfolgreichste Händler.
"Soll ich oder soll ich nicht?" ist die Schlüsselfrage in diesem Spiel. Es ist eine Gratwanderung, die von einigen Faktoren beeinflußt wird. Der größte ist sicherlich die Spielerzahl, denn die Wahrscheinlichkeit, bei 3 Spielern nach einer Preiserhöhung noch einmal dranzukommen ist viel größer als bei 5. Und auch am Anfang des Spiels, wo jeder noch über sein gesamtes Warensortiment verfügt, ist es wahrscheinlich besser, schnell (und damit leider auch billiger) zu verkaufen, denn niemand kann einem garantieren, daß die eigenen Waren später noch gefragt sein werden und auch ein plötzliches Ende der Runde, weil ein Spieler alle seine Waren verkauft hat, muß man einkalkulieren. Wichtig ist schließlich auch sich zu merken, wie viele Waren einer Art bereits in den Markt geflossen sind, denn wenn ich über die einzige Butter verfüge, kann ich den Preis seelenruhig in die Höhe treiben und laufe nicht Gefahr, daß andere mir zuvorkommen. Wer hier den goldenen Mittelweg findet, hat schon fast gewonnen.
"Will ich wieder oder will ich nicht mehr?" ist nun, nach einigen Spielen die in mir aufkeimende Frage, denn sonderlich Reize versprüht "Schwarzmarkt" auf mich nicht, zu wenig abwechslungsreich verläuft das Spiel. Da ist mir zum Beispiel das aus dem gleichen Hause stammende "Medici", das mit "Schwarzmarkt" durchaus zu vergleichen ist, hundert mal lieber.

Wresnik Helmut

"Schwarzmarkt" von Stefan Dorra, Amigo