Westwärts

Es geht nichts über die liebevolle Spielegestaltung eines Kleinverlags. Ich mag diese Spiele, die das Flair des Prototypen bewahren, Atmosphäre ausstrahlen, zu denen kleine Unebenheiten einfach gehören, da Hand- und Klebearbeit gespürt und gerochen werden kann. Fast müßte man sagen, daß hoffentlich kein Spieleredakteur auf die Spuren dieser Kleinode stüßt, denn oft genug wird in den Redaktionsstuben viel verhunzt. Dieser Wunsch wäre allerdings sicherlich nicht im Sinne der Autoren, die trotz Kleinstauflagen von anderen Grüßenordnungen träumen, die ihnen bei entsprechender Spielqualität auch nicht verwehrt werden sollen. Ein Redaktionsteam zum Beispiel bei Kosmos, Goldsieber, Blatz oder Hans im Glück wäre ihnen dann aber doch zu wünschen, damit noch möglichst viel von der Spielatmosphäre gerettet bleibt.
Ein solches Spiel konnte WESTWÄRTS werden. Aufmerksame Leser der letzten SPIELEREI, inzwischen auch der "spielbox", haben sicherlich die Anzeige eines neuen Kleinstverlages entdeckt. Der SPIELTEUFEL vertreibt seit kurzer Zeit nicht nur fremde Spiele, sondern bietet zwei eigene Spielentwicklungen an. Die Stuttgarter Marion und Andreas Dettelbach sind unter die Spieleautoren gegangen und haben, grafisch geschickt, mit spielerischem Gespür und wahrscheinlich in unendlich vielen Stunden Heimarbeit die Spiele WESTWÄRTS und FETTE KUHE produziert.
Das anspruchsvollere Spiel, WESTWÄRTS, soll hier vorgestellt werden. Das Treckspiel im Wilden Westen, in dem Mc Trucker seinen Nachfolger sucht, der die Siedlertrecks sicher durch Weideland, Wüsten- und Berggebiete, vor allem aber auch durchs Indianerland bringt. Dafur muß man einen Treck mit zwanzig Wagen aber richtig organisieren können, was sich im Laufe des Spiels als ganz schon schwierig erweist.
Das Spielprinzip ist nicht neu: Was Tom Schoeps recht abstrakt in RONDA MAGICA verlangt, Gerhard Kodys in DIGIT von den Spielern fordert oder den großen Spielreiz in dem alten Ravensburger Spiel TANTALUS (Casino-Serie) ausmacht, darum geht es letztlich auch in WESTWÄRTS. Es muß eine bestimmte Konstellation von Figuren, Spielsteinen, hier sind es Wagen, die im Treck mitfahren, erreicht werden. Thematisch ist dieses Spielprinzip bisher aber noch nie so stimmig umgesetzt worden wie in WESTWÄRTS.
Zwei bis sechs Spieler machen sich an die Treckorganisation. Zwanzig Wagenkarten mit vielen Siedlern und Goldgräbern und je einem Scout, Barbier, Pfarrer, Lehrer, Koch und Totengräber sind neben einem reinen Munitionswagen mit im Treck. Je fünf Karten werden zu Beginn zufällig auf vier Gebietskarten (Weideland, Wüste, Indianerland und Bergland) aufgeteilt. Dreißig Auftragskarten wollen erledigt werden. Im Gegensatz zu ähnlichen Spielen, in denen jeder Spieler bestimmte Aufträge auf seiner Hand halt und so auch eher zufällig manche Aufträge erfüllt ablegen kann, werden bei WESTWÄRTS die Auftrüge sozusagen öffentlich ausgeschrieben.
Vier liegen auf einer Angebotstafel bereit, ein zwei oder drei Goldnuggets gibt es für die Auftragserfüllung. Die Treckbewegung wird über Spielkarten gesteuert, von denen jeder Spieler drei auf der Hand hält. Der Spielablauf ist recht simpel, die Erfüllung der Auftrage allerdings nicht immer. Jeder legt zu Beginn einer Spielrunde verdeckt einer seiner Bewegungskarten aus. Der Startspieler deckt seine eigene und eine weitere fremde Karte aus. Mit diesen beiden Karten vollzieht er Bewegungen im Treck und versucht Auftrage zu erfüllen. Alle gelegten Karten sind aus dem Spiel und werden vom Kartenstapel wieder auf drei ergänzt. Das gilt auch für frei werdende Auftragsfelder, wobei immer nachgeschoben werden muß, so das komplexere Aufträge in die besser dotierten Bereiche kommen. Danach wechselt der Startspieler, und es beginnt eine neue Runde. Das Spiel endet, wenn ein Spieler 15 Nuggets verdient hat oder wenn nicht mehr vier Aufträge angeboten werden konnen.
Einfach ist die Treckumorganisation bei Aufträgen, bei denen zum Beispiel der Koch nicht im Weideland sein darf. Eine solche Karte darf im übrigen nur in die Auftragsfelder gelegt werden, wenn sie noch nicht erfüllt ist, d.h., der Koch befindet sich also im Weideland. Meist läßt sich ein solche Karte schon mit einfachen Bewegungskarten erfüllen, in denen ein beliebiger Wagen zum Beispiel drei Felder vorziehen darf. Hat man die "Koch-Karte", der seinen Platz mit einen beliebigen Wagen tauschen darf, auf der Hand, wird die Angelegenheit ganz einfach.
Schwieriger sind Auftragskarten, die mehrere Bedingungen stellen. Da soll zum Beispiel ein Landgebiet mit zwei Goldgräbern, ein anderes mit drei Siedlern ausgestattet sein, oder der Pfarrer soll sich zwischen einem Siedler und einem Goldgräber aufhalten. Da wird es knifflig, und die Zufälligkeit der aufgedeckten zweiten Karte hilft oft nicht weiter, wenn man nicht mit Absprachen spielt: Wie Du mir, so ich Dir! Hier hat das Spiel noch Ecken und Kanten. Da konnte an diesem Rohdiamanten aber noch entsprechend gefeilt werden, auch was einige Regellücken angeht, die zum Beispiel Sonderkarten betreffen, die über Achsenbruch und Feuer Wagen eliminieren oder lahmlegen.
In unseren Spielrunden hat es sich bewährt, die Bewegungskarten am Anfang nicht verdeckt auszuspielen, sondern offen, so daß alle Karten in die Zugüberlegungen mit einbezogen werden können. Fur einige grüblerische Naturen sollte man aber eine Sanduhr zur Hand haben. Sinnvoll ist im übrigen auch die Regelergänzung, daß man insgesamt zweimal während des Spielverlaufs zwei eigene Karten auslegen darf, um mit diesen beiden Zugen, einen oder mehrere Aufträge zu erfüllen. Sogar eine CORONA/HARUN/ORBIT-Variante ist denkbar: Alle decken eine Karte auf, und jetzt kommt es auf die schnellsten Gebote an, wer unter Ausnutzung aller Karten am meisten Gold einfahren wird.
Sie sehen, WESTWÄRTS ist trotz einiger Regeldefizite ein vielseitiges und zu empfehlendes Spiel. Spielreiz auf der einen Seite, aber auch der eingangs beschriebene optische und haptische Genus an der Kleinstauflage: Spielkärtchen, die auf Korkplatten aufgezogen sind und "echte" kleine Goldnuggets, 71 an der Zahl. Das hat was!

(Wieland Herold)

Spieletelegramm:
Titel: Westwärts, Verlag: Spielteufel, Autor: Marin und Andreas Dettelbach, Spielerzahl: 2-6, Alter: ab 12 Jahre, Spieldauer: 60 bis 120 Minuten, Preis: ca. 50.- DM